Wie
der Zufall es so wollte, bekam ich das Angebot mit ein paar Freunden
in den Skiurlaub zu gehen. Ich nahm an und so fuhren wir nach
Davos in die Schweiz.
Meine
Stimmung besserte sich zusehends und nach ein paar Tagen ging
es mir wieder ganz gut. Natürlich lernte ich auch ein Mädchen
kennen. Ich traf sie im Skilift und sie machte mir schöne Augen.
Wir verbrachten ein paar Tage zusammen und an einem der letzten
Abende verliebten wir uns. Aber der Abschied nahte und zum ersten
Mal in meinem Leben merkte ich, dass dort ein Mensch war, der
mich mochte.
Zu
Hause angekommen, saß ich nun da und weinte. Was sollte ich tun?
Der Wunsch gemocht zu werden, war so stark, dass ich mich schließlich
einfach in den Zug setzte und zu ihr nach Hamburg fuhr. Natürlich
unangemeldet! Es war ein seltsames Wiedersehen, so richtig im
Leben, aber es funktionierte und nach einem halben Jahr des ständigen
Herumreisens zog ich auch nach Hamburg.
Hier
ging ich auf die Fachoberschule und sie machte eine Ausbildung.
Wir waren glücklich aber da ganz tief unten in meinem Inneren
schlummerte ein Verlangen, welches auch Karin nicht stillen konnte.
Und so geschah es dann einem einsamen Wochenende, als Karin bei
ihrer Großmutter war. Ich ging ins Warenhaus und kaufte mir Damenunterwäsche.
Eigene
Sachen hatte ich noch nie gehabt und Karins passten mir nicht.
Eine Verkäuferein beriet mich und ich erstand eine Miederhose.
Ob sie etwas gemerkt hat, weiß ich nicht. Jedenfalls rannte ich
sofort auf die Toilette im Kaufhaus und zog mir das Beutestück
an. Heiße Wellen durchströmten mich, als ich so bekleidet wieder
auf die Strasse ging.
Mit
sexuellem Verlangen hatte das nichts zu tun, es war einfach Irrsinn.
Und so irrsinnig ging es dann natürlich weiter. Immer, wenn ich
alleine war, kaufte ich ein und wurde dabei auch mutiger. So hatte
ich bald alles zusammen. Einen Rock, eine Bluse, Unterwäsche,
Schuhe und ein billige, blonde Perücke.
Ich
fing auch an, mich zu schminken und eines Tages hielt ich es einfach
nicht mehr aus, mich als Frau zu verkleiden und im Zimmer herumzulaufen.
Ich musste raus! Aber wohin? Als erstes ging ich Abends durch
dunkle Gassen oder ich trieb mich auf Autobahnraststätten herum.
Erkannt wurde ich nie. Ich traf ja auch nie jemanden. Irgend etwas
in mir hatte die Angst vor Verachtung schon in meiner Kindheit
so groß werden lassen, das ich bei dem Gedanken an Öffentlichkeit
erschauderte.
Trotzdem
wollte ich raus. Dieser Zwiespalt zerriss mich fast. Der Wunsch
nach draußen war so groß, das ich es immer wieder tat. Irgendwann
tat ich es nur noch und dachte auch nur noch daran. Es war wie
eine Sucht: Wann bin ich allein, damit ich endlich Frau sein kann?
Die Beziehung zu Karin litt natürlich sehr unter dieser Abkapselung.
Auch
im Bett war es schwer für mich, da ich als Mann einfach keine
Lust auf Sex hatte. Das war zwar schon immer so, aber ich stellte
mir einfach dabei vor, dass ich die Frau sei. Es kam, wie es kommen
musste: Irgendwann hatte Karin einen anderen und schließlich trennten
wir uns.
Ich
war sogar diejenige, die Schluss machte, weil ich zum einen die
Schmach nicht ertrug und zum anderen hatte ich ein wahres Höllenweib
kennen gelernt, welches mir einigermaßen gefiel. Wenn ich ehrlich
bin, habe ich Karin eigentlich nur wegen meinem Wunsch nach Einsamkeit
und Frau sein verlassen.
Mit
der neuen Frau war es schrecklich. Da ich im Bett unter Druck
war, ging bei mir irgendwann gar nichts mehr. Und sie drängelte
immer mehr. Schließlich geriet ich dabei so unter Druck, das ich
ihr unter Tränen gestand, lieber eine Frau sein zu wollen.
Meine
Güte war das schwer. Ich fühlte mich wie der letzte Dreck. So
mit meinen ganzen Sachen, der Heimlichkeit, meinen Gedanken und
Wünschen. Alles war falsch, ich war falsch. Ich hatte den Menschen
verlassen, den ich liebe. Und alles nur deswegen. Ich klappte
einfach zusammen und heulte nur noch. Es war schrecklich.
Ich
traf Karin wieder und gestand ihr endlich auch, was mit mir los
war. Sie war sehr verständnisvoll und fragte, warum ich es ihr
nie erzählt hatte. Ich wusste es nicht, damals. Heute glaube ich
zu spüren, dass es wohl das hohe Podest gewesen sein muss, auf
das sie mich gestellt hatte. Den Superman!
Meine
neue Flamme wollte mit mir in Frauenkleidern Sex haben und so
taten wir es auch. Es war fantastisch, endlich mal ein wenig offener
Frau sein zu können. Das einzige Problem war aber, das ich nach
einiger Zeit als Mann überhaupt nicht mehr konnte. Und als ihre
Verachtung darüber immer stärker wurde, verließ ich sie nach einer
durchgeheulten und durchgesoffenen Nacht. Ich war wieder frei.
Ich war völlig allein. Und völlig am Ende.
Meine
Freunde hatte ich vernachlässigt. Karin wollte mich nicht mehr
- außer als guten Freund. Ich dachte, ich sterbe. Ich fing an,
mich für meine Neigungen zu hassen. Für das, was mein Leben so
langsam aber sicher zerstörte. Wieder hatte ich starke Suizidgedanken.
Doch bevor es richtig ernt wurde, suchte ich mir einen Therapeuten.
Dieser
Mensch sagte zwar, er wisse was TS ist, aber in Wirklichkeit hatte
er nicht die geringste Ahnung davon. Und das in Hamburg. Dort,
wo es viele Transsexuelle und auch eine Selbsthilfegruppe gibt.
Von alledem wusste er nichts und ich traute mich alleine auch
nirgendwo hin. Nicht in eine Gruppe und schon gar nicht auf die
Reeperbahn. Was sollte ich auch da?
Und
eines Abends, ich saß mit Karin in meiner Wohnung, passierte es
dann. Während eines sehr komplizierten Gespräches, in dem ich
mir so unheimlich klein ihr gegenüber vorkam, rollte meine erste
Panikattacke über mich hinweg.
Fortsetzung folgt.
*Name
ist der Redaktion bekannt