Bei
mir hat es ganz langsam angefangen. Als kleines Kind so mit 4
Jahren bemerkte ich, dass ich den Wunsch verspürte, die gleichen
Kleider wie meine Schwester zu tragen. Nein, ein Mädchen
wollte ich nicht sein. Ich wusste ja noch nicht einmal, was das
ist.
Und
dass es da gewisse Unterschiede gibt, wusste ich auch nicht. Nur
fand ich es sehr ungerecht, ständig meine Schwester in den
schönen Kleidern zu sehen. Ich ging zu meiner Mutter, die
mich oft schlug und fragte vorsichtig, ob ich nicht auch ein Kleid
anziehen könne. Die Mutter antwortete : Jungens tragen so
was nicht.
Damit war die Sache für ein und alle Mal erledigt.
Ich hatte leider sehr viel Angst vor meiner strengen Mutter und
traute mich nicht, ihr nochmals meine Wünsche zu offenbaren.
Das Verlangen die schönen Dinge anzuziehen war aber nahezu
unstillbar. Was sollte ich also tun?
Im Kinderzimmer stand eine große Kiste mit alten
Kleidern. Meine Schwester und auch deren Freundinnen zogen oft
Sachen aus dieser Kiste an. Und was sich dort für schöne
Dinge fanden: Kleider, Röcke und vieles mehr.
Heimlich ging ich ab und zu an diese Kiste und nahm mir
heraus, was mein Herz begehrte. Besonders hatte es mir eine weiße
Strumpfhose angetan. Ständig ging ich in der folgenden Zeit
an diese Kiste und nahm mir heraus, was ich wollte,zog mich an
und fühlte mich dabei pudelwohl. Ich spürte eine Geborgenheit,
wie ich sie bei meiner Familie nie empfand.
Die Kluft wurde durch die dauernden Kämpfe mit meinem
Bruder, der mich als Konkurrenten sah, noch verstäkt. Eines
Tages, es war ein Sonntag, kam eine befreundete Familie zu Besuch.
Zwei Mädchen waren dabei.
Als die Kinder am Nachmittag dann ausgelassen spielten,
kam meine Schwester auf die Idee, die Mädchen könnten
sich doch verkleiden. Und so gingen sie an die grüne Seemannskiste
und nahmen sich heraus, was ihr Herz begehrte. Es wurden die Röcke
und Blusen und natürlich auch die Strumpfhosen verteilt.
Traurig sah ich zu, wie die Mädchen sich die Sachen
anzogen. Mein langes Gesicht wurde von einer Nachbarin bemerkt
und sie sagte zu den Mädchen, welche gerade Strumpfhosen
in den Händen hielten: Gebt Paul auch eine. Und das taten
sie dann auch.
Glücklich zog ich das geliebte Kleidungsstück
an und fühlte mich zum ersten mal in Gesellschaft einfach
wohl. So wohl, dass ich auch gleich anfing in der Nase zu bohren.
Der Freund meiner Mutter sah mich dabei und schüttelte den
Kopf. Diese Glück hielt dann aber leider nicht an. Traurig
zog ich am Abend meine Strumpfhose wieder aus und träumte,
ich sei ein Mädchen. Dann könnte ich immer die Sachen
tragen, die ich wollte.
Zwei Jahre später musste ich zur Schule und meinen
Mann stehen. So blieb mir nichts anderes übrig, als heimlich
meinen Wünschen nachzugehen. Denn das Eine hatte ich in der
Zwischenzeit gelernt: Jungens , die Mädchenkleider tragen
gehören nicht dazu.
Und da ich dazu gehören wollte, blieb mir nichts anderes
übrig, als in den Untergrund zu gehen. Zu deutsch, ich erzählte
einfach niemandem mehr etwas von mir und tat die Dinge, die ich
wollte, heimlich. Für ein Kind mit 8 Jahren war dies eine
folgenschwere Entscheidung. Denn je älter ich wurde, um so
mehr entwickelte sich mein heimliches Verkleiden zur einzigen
Zuneigungsquelle die ich hatte.
Immer, wenn ich mich ungeliebt fühlte, ging ich an
die Seemannskiste. Im Laufe der Zeit hatte ich aber auch noch
einige Möglichkeiten gefunden, die Auswahl zu vergrößern.
Die Schränke meiner Schwester und meiner Mutter boten eine
Fülle von schönen Dingen, die ich anzog, um mich darin
wohl zu fühlen. Nach außen spielte ich den Supermann,
denn das Wichtigste war für mich, alles geheim zu halten.
Zu Hause entdeckt zu werden malte ich mir schrecklich aus.
Die Verbote meiner Mutter saßen so tief, dass ich mich nicht
mehr öffnen konnte. So begannen diese Versteckspiele einen
großen Teil meiner Zeit zu beanspruchen, was mir aber nichts
ausmachte. Mittlerweile war ich in der achten Klasse.
Richtig toll war es, als wir eine neue Lehrerein bekamen.
Diese hatte nämlich ein so weiches Herz, dass sie mir ständig
freigab, wenn ich Montags Morgens nach der ersten Stunde sagte,
mir sei schlecht. Zu Hause war niemand. Meine Eltern arbeiteten
und meine Geschwister waren in der Schule. Somit war der Weg frei
führt mich. Und ich nutzte diese Zeit voll aus.
Am Jahresende kam dann das böse Erwachen: ich hatte
mich so oft krank gemeldet, dass ich in der Schule nicht mehr
mitkam und sitzen blieb. Aber was soll's. Meine Eltern ließen
sich gerade scheiden und hatten sehr viel mit sich selbst zu tun
und nahmen es daher kaum wahr, wenn etwas mit den Kindern nicht
stimmte.
Und da ich selber beschloss, die Schule weiter zu machen
ging ich im Folgejahr dann wieder häufiger hin und wurde
auch versetzt. Meine Verkleidungsspiele musste ich etwas reduzieren.
Dies wurde dadurch unterstützt, dass ich in die Pubertät
kam. Ich entdeckte die Frauen. Mit Vorliebe suchte ich mir solche
Partnerinnen, die so aussahen, wie ich selber gerne ausgesehen
hätte. Beziehungsweise die Kleidung trugen die ich gerne
tragen würde.
Das Wichtigste waren dabei die Röcke und Strumpfhosen.
Mein Gott ich hätte meinen rechten Arm dafür gegeben,
auch solche Kleider tragen zu dürfen. Aber was sollte ich
tun? Mitteilen konnte ich mich niemandem. Vor meiner Mutter hatte
ich schreckliche Angst. Bei meinem Vater kämpfte ich ständig
um ein bischen Zuwendung. Keine Chance. Ich fing an tagzuträumen.
Ich träumte, ich hätte einen Unfall und würde
im Krankenhaus erwachen. Und als ich zun Schrank gehe, sind dort
nur Mächenkleider drin. Ich ziehe mich an und bin tatsächlich
ein Mädchen. Keiner kümmert sich darum. Toll. Ich gehe
auf die Strasse und bin glücklich.
Oder ich beherrsche die Seelenwanderung. Ich suche mir
ein Mädchen aus, was mir gefällt und stelle mir vor,
ich kann einfach in ihren Körper einsteigen. Leihweise. Dann
ziehe ich mir die schönsten Sachen an und fühle mich
großartig.
Gottseidank gab aber doch einen Menschen, dem ich vertraute.
Meine Tante. Eines Tages, ich muss so 12 Jahre alt gewesen sein,
war ich allein bei ihr auf Besuch. Ich fragte sie spontan, ob
ich etwas von ihrer Kleidung anziehen dürfe. Sie sagte nur:
such dir was aus. Dieses Spiel spielte ich gerne und oft bei ihr.
Sie hat später durch einen Gehirnschlag teilweise
die Fähigkeit verloren gesellschsftlich anerkannt zu sein.
Aber trotz ihrer Debilität hat sie mich nie verraten. Ich
glaube, sie war einzige Mensch, der mich als Kind ohne wenn und
aber geliebt hat.
Trotz alledem blieb immer die Angst vor Entdeckung meiner
heimlichen Wünsche. Vor Verspottung. Vor Ächtung. Ein
fast übermenschlicher Wunsch und keine Aussicht auf Realisierung.....
Statt dessen wurde ich nach außen immer aggressiever als
Mann und gründete eine Bande. Die Wut, die ich auf die Gefangenschaft
in mir hatte, ließ ich fortan an den anderen aus. Eine Karriere,
auf die ich nicht besonders stolz bin.
Manche Männer hatten regelrecht Angst vor mir. Besonders
vor meinen verbalen Attackken. Das ich innerlich selber sehr viel
Angst hatte, merkte niemand. Auch das es sich bei mir eigentlich
um ein kleines, verletzliches Mädchen handelte, welches ich
mit dem rauen Kerl beschützt habe, merkte nie jemand. Irgendwann
bildete ich mir ein, alles sei OK.
Ein Doppelleben zu führen macht mich nur interessant
und erweitert meinen Horizont. Falsch gedacht. Als ich 23 war,
bekam ich meine erste Depression. Auf die Idee mir das Ganze mit
meinen nicht realisierbaren Wünschen zu erklären, kam
ich nicht. Ich dachte einfach, ich sei einsam. Und das war ich
auch.
Die Beziehungen zu den Frauen begannen mich zu langweilen
und ich hatte zu nichts mehr Lust. Am liebsten hätte ich
mit mir Schluss gemacht. Gegen meine Neigungen hatte ich in der
Zwischenzeit eine solche Wut entwickelt, dass ich mich entschloss
damit aufzuhören.
Aber ab diesem Moment ging es mir noch schlechter. Ich
wollte einfach nicht mehr. Keiner mochte mich und ich mich erst
recht nicht. Toller Einstieg ins Erwachsenenleben. Ich hoffte
zum ersten Mal, ich könnte einfach sterben und als Mädchen
wiedergeboren werden. Und in diesem Moment starb auch etwas in
mir.
Fortsetzung folgt.
*Name
ist der Redaktion bekannt