Inhalt

Petra G.

Geboren am 13. September 1947 in Ludwigsburg als Rolf G. erlebte ich meine Kindheit materiell abgesichert und gut versorgt. Leider erhielt ich von meinen Eltern wenig Liebe und es fehlte jegliche Nähe und Geborgenheit, sowohl körperlich als auch seelisch.
Vor vier Jahren erfuhr ich nach dem Tod meines Vaters, dass er sich nur deswegen nicht scheiden lassen wollte, weil ich im Bauch meiner Mutter unterwegs war.

Während meiner gesamten Kindheit fehlte es mir materiell an nichts, innerlich fühlte ich mich einsam und verlassen. So wurde ich bis ungefähr zum 14. Lebensjahr während nahezu aller Schulferien zu Verwandten abgeschoben. Wenn ich nicht im Sinne meiner Eltern "funktionierte" bzw. gehorchte, folgten Beschimpfungen und Schläge, oder noch schlimmer - ich wurde mit Missachtung und Eiseskälte bestraft. So war es kein Wunder, dass ich mit 18 Jahren aus der elterlichen Wohnung auszog.

Im Alter von 14 Jahren wurde ich durch meine Mutter innerhalb von 5 Minuten aufgeklärt und hatte anfangs verschiedene Mädchenfreundschaften ohne sexuellen Hintergrund. Zwanzigjährig hatte ich erste sexuelle Beziehungen zu Frauen - Freundinnen oder Kolleginnen.

Dabei bemerkte ich erstmals, dass die schöne Frauenkleidung einschließlich Unterwäsche mir nicht nur an meinen Freundinnen gefiel, sondern auch an mir - ich verspürte geradezu den Zwang, diese Kleidung anzuziehen. So wuchs im Laufe der Jahre meine Sammlung an femininen Kleidungsstücken, welche ich immer öfter heimlich Zuhause oder unter meiner Männerkleidung trug.

Die Auswirkungen meines Doppellebens zeigten sich dabei sehr schnell: Ich hatte einerseits Zweifel an mir selbst und wollte diese Neigung gar nicht wahr haben, andererseits eine riesige Angst vor Entdeckung und den Reaktionen, falls ich jemals darüber sprechen sollte.

Ich war mir zunächst auch nicht darüber klar, was ich nun war: ein Transvestit, transsexuell, ein Fall für die Klapsmühle, oder was eigentlich? Vor meiner Heirat im Jahre 1976 warf ich alle femininen Kleidungsstücke weg und sagte mir: Nun kann ich von vorne beginnen, ich brauche keine Frauenkleidung mehr, diese Episode ist jetzt vorüber! Jedoch kurz darauf begann ich erneut, Kleidung und Unterwäsche zu kaufen und heimlich zu tragen, niemand wusste davon.
Nach der Geburt meiner zweiten Tochter entfernten sich meine Frau und ich immer weiter voneinander, körperlich und seelisch. Ungefähr ein Jahr vor der Scheidung entdeckte meine Frau meine Neigung. Sie hat mich während unseres Urlaubs in Südfrankreich ganz einfach ertappt.

Am Fahrrad unserer größeren Tochter sprang die Kette ab und ich bückte mich. Meine Frau stand mir direkt gegenüber und sah in meinem Ausschnitt einen schwarzen Spitzen-BH. Total geschockt sagte Sie nur: Du trägst Damenunterwäsche!!! Wir fuhren wortlos zu unserer Ferienwohnung zurück. Sie wollte den Urlaub abbrechen, die Koffer packen und am selben Abend zurückfliegen. Mit großen Überredungskünsten konnte ich Sie zum Bleiben bewegen - der Kinder wegen.

Wir sprachen in den Wochen danach nur noch einmal über mich, für meine Frau war ein Zusammenleben nicht mehr möglich und sie zog kurz darauf mit den Kindern aus dem gemeinsam aufgebauten Reihenhaus aus. In dieser Zeit hatte ich eigentlich mein Leben beendet und hätte mich wohl selbst getötet, wenn ich nicht auf einer Geschäftsreise eine Frau kennen und lieben gelernt hätte. Diese Reise war wie eine Flucht vor dem Scherbenhaufen meines bisherigen Lebens.

Ich verschwieg wieder aus Angst meine innerste Sehnsucht zur femininen Kleidung und zum Frausein und trennte mich zum x-ten Male von Kleidung, Perücke und Schuhen, in der Hoffnung auf einen Neubeginn ohne Frauenkleidung - vergeblich! Ich fand schlussendlich den Mut, mit ihr über mich zu sprechen, stieß jedoch auf eine Mauer voller Unverständnis und Ablehnung.

Nachdem wir zwei Jahre zusammenlebten, zog sie aus der gemeinsamen Wohnung aus mit den Worten: "Ich werde krank, wenn ich mit dir so weiterlebe, ich bin doch nicht lesbisch!" Diese Trennung war sehr schwer für mich und es war das zweite Mal in meinem Leben, an welchem ich nicht mehr weiterleben wollte und konnte. Alles Versteckspielen, alle Heimlichkeiten und Unwahrheiten, das innere Zerrissensein, die Selbstverachtung und Selbstzweifel waren vergebens gewesen. Letztendlich konnte ich diesen Zwang zum Frausein nicht loslassen.

Auch wurde mir bewusst, dass ich mir lauter harte Männersportarten ausgesucht hatte. Zuerst Radrennen, später Autorennen bis zur Formel 3 und extremes Bergsteigen. Dies geschah möglicherweise unbewusst, um mir vielleicht selbst zu beweisen, was für ein ganzer Kerl ich doch bin? Aber vielleicht auch, um durch einen Unfall zu sterben und dieser Welt und meinem Schicksal zu entrinnen, denn zum Selbstmord fehlte mir der Mut.

Anfang 1998 beschloss ich, mich so anzunehmen, wie ich mich im Inneren fühlte und zunächst im privaten Bereich als Petra zu leben. Es war ziemlich heftig, das erste Mal bei Tageslicht in Stuttgart als Frau unterwegs zu sein.

Ich hatte Angst ohne Ende, erkannt und durchschaut zu werden. Doch nach und nach durfte ich erleben, wie ich in der Öffentlichkeit immer selbstsicherer wurde und mein Verhalten meinen Mitmenschen gegenüber immer offener und herzlicher.

Für diesen Schritt habe ich nicht zuletzt durch eine einjährige Therapie die Kraft und den Mut erhalten. Bekannte und Verwandte schätzen mich jetzt als Petra wie bisher. Allerdings fiel es mir zunehmend schwerer, diese Trennung zwischen privatem Leben als Frau und beruflichem Auftreten als Mann aufrechtzuerhalten. Ende 1998 musste ich mich regelrecht zwingen, meine Kunden in Anzug und Krawatte zu besuchen, ich fühlte mich dabei so falsch und verlogen.

Ich fasste den Entschluss, auch im Berufsleben Petra zu sein. Dabei war ich mir über das finanzielle Risiko bewusst, sagte mir jedoch: "Ich mache es, und wenn ich putzen gehen muss!" Im Januar 1999 habe ich meine Namensänderung durch das Amtsgericht Ulm beantragt. Ich stehe seitdem auch im Berufsleben als Petra G meine Frau. Kunden - alte wie neue- schätzen mein berufliches Wissen und meine Arbeit.

Die Entscheidung als Frau zu leben spielte dabei bisher keine existentielle Rolle. Einen guten Kunden habe ich allerdings verloren. Kleidung war dem Werksleiter wohl wichtiger als meine Arbeit, ich erhielt Hausverbot. Aber ich kann dennoch meine Brötchen verdienen mit dem was ich tue, dem Vertrieb von technischer Software.

Seit Mitte 1999 arbeite ich wieder als Angestellte in einem CAD-Systemhaus und hoffe, die Probezeit zu überstehen und auf Dauer als Petra meinen Arbeitsplatz zu behalten. Nachdem ich seit mehr als eineinhalb Jahren unter ärztlicher Aufsicht Hormone nehme, erlebe ich mit großer Freude die Veränderungen an meinem Körper: Der Busen wächst, meine männlichen Genitalien rühren sich nicht mehr und sind mindestens so unwichtig wie ein Blinddarm - wenn sie nicht da wären, gäbe es keinen Unterschied! Oder doch: Es würde alles noch besser zusammenpassen.

Ich habe mich entschlossen, eine geschlechtsangleichende Operation vornehmen zu lassen. In den letzten Monaten frage ich mich immer öfter, was habe ich vorher eigentlich für ein Leben geführt? Es war ein Leben von Mauern umgeben. Jetzt hingegen bin ich offen für meine Mitmenschen, fühle mit Ihnen und habe viele neue und gute Freunde gewonnen.

Ganz besonders froh und dankbar bin ich, dass meine lieben Töchter (12 und 14 Jahre alt) mich ganz ungezwungen und ohne Hemmungen annehmen konnten. Wir gehen gemeinsam in Urlaub, bummeln über Flohmärkte und gehen Klamotten kaufen. Wir sind eigentlich wie gute Freundinnen zueinander.

Ich bin das berufliche und private Risiko meiner Entscheidung, als Frau zu leben und zu arbeiten, ganz bewusst eingegangen. Einerseits, weil ich gar nicht anders konnte, andererseits, weil mein Leben jetzt soviel ehrlicher, intensiver, reicher und schöner ist.

Es gibt nur einen einzigen Punkt, den ich dabei bereue: Dass ich mein halbes Leben wartend nicht so leben konnte, wie ich in meinem Inneren gefühlt habe.

Petra