Warum
ist eigentlich dem Schreiber die Unterscheidung von Normalos und Transidenten
so wichtig? Nun ja, "normal" war bislang stets der feste und verlässliche
Rahmen von Regeln und Gepflogenheiten, welche die äußere
Form zu bestimmten Beurteilungen lieferten und ihm die eigene Identitätsbestimmung
abnehmen, bzw. ersparen halfen.
Mit
diesem geistigen Rüstzeug folgte der Schreiber einer Einladung
in die Transidenten-Selbshilfegruppe in Stuttgart, angespornt aus einer
Mischung von voyoristischer Neugier und einer dunklen Ahnung, dort womöglich
auf verborgene Teile des eigenen Selbst zu stoßen.
Sein
bisheriges Verständnis enthüllt wahrscheinlich eher das gängige
Vorstellungskuddelmuddel: Trans = Fuzzy in Weiberkleidern, also ein
Transvestit, bzw. Ein Homo weiblicher Strickart oder auch in umgekehrter
Manier. Und dann fördert der Abend nach der obligaten Vorstellungsrunde
der Beteiligten eine Reihe von Berichten und Schilderungen des Alltags
der Betroffenen zutage und mit einem Mal ist es mit der voyoristischen
Neugier vorbei.
Der
Begriff der "Betroffenen", wie sich dort verschiedene Menschen selbst
bezeichnen, lässt zunächst einmal die Frage offen, wovon sie
denn genauer betroffen oder getroffen sind. Bei näherem Hinhören
fängt dieser Begriff an, eine andere Dimension freizulegen, nämlich,
das es sich bei dem jeweiligen subjektiven Selbstverständnis um
Opfer verschiedener Lebensumstände handelt: Etwa Opfer eines Irrtums
der Natur, der gesellschaftlichen Umstände, der schieflaufenden
Beziehungen, Opfer auch von nachbarschaftlichen Diskriminierungen, sozialer
Isolation usw.
Folglich
tragen viele Schilderungen auch die Idee einer Befreiung in sich, ohne
dass daraus zwingend deutlich würde, wovon im einzelnen oder gar
zu was? Hier setzt mit Blick auf die genannte Zielsetzung des Schreibers,
seine Neugier befriedigen zu können, ein gewisses Maß an
Erstaunen ein: der Blick darauf, wovon man sich befreien will, hat immens
viele Parallelen und Übereinstimmungen mit anderen gesellschaftlichen
Gruppierungen.
Irgendwie
wird jeder irgendwo unterdrückt, so u. a. im Beruf und Erwerbsleben,
in der Beziehung, von den Eltern, von den Kindern, irgendwo ist jeder
auch einmal oder mehrmals Ausländer, so womöglich auch im
eigenen Körper und er erlebt ein ausgeprägtes Gefühl
von "nicht dazu gehören", von Fremdheit. Und an dieser Stelle entstehen
dann landläufig ernsthafte subjektive Fehleinschätzungen,
etwa die, dass Fremdheit und Feindseligkeit zwei Seiten ein und derselben
Münze sind und Abgelehntsein notwendigerweise eine logische Folge
darstellt.
Der
Schreiber stellt dies als jemand fest, der selbst einige Jahre im Ausland
verbracht hat und überdies mit einer Ausländerin verheiratet
ist. Dieser jemand hat die Erfahrung gemacht, dass der hier zuordenbare
Begriff der Heimat zumindest für ihn nicht von örtlichen Gegebenheiten
abhängig ist, sondern das Resultat einer inneren Öffnung hin
zu neuen Erfahrungen und Erlebnissen darstellt.
Und
genau auf diese innere Haltung bezieht sich sein Heimatbegriff. Auch
dort wechseln sich Schönwetterlagen und Sturmtiefs ab und gestalten
nicht immer in bequemer Weise ein Gefühl von Zugehörigkeit.
Der menschliche Körper weist bei genauer Betrachtung in auffälliger
Weise vergleichbare Merkmale auf: auch er ist dem Menschen für
die Zeit seiner irdischen Existenz eine "Heimat".
Hierin
liegt vielleicht die Berechtigung dieses Vergleichs: Diese Heimat ist
in gleicher Weise ständigen Veränderungen unterworfen- geboren
werden, heranwachsen, altern, vergehen, mit allen charakteristischen
Begleiterscheinungen und damit gerade unabhängig von geschlechtsbezogenen
Gegebenheiten. Sich indes jeweils um das gebracht zu sehen, was man
nicht hat, stellt ein hervorstechendes Merkmal der Opfermentalität
dar und damit den Nährboden allen Sehnens und Verlangens.
Hinsichtlich
der gehörten Schilderungen erwuchs dem Schreiber bei der Erfahrung
in der Selbsthilfegruppe eine Vermutung, nämlich das viele Personen
dieses Kreises sich selbst als defizitär erleben, d.h. als falsch
gemeint, falsch geplant oder falsch gepolt. In diesem Zusammenhang gewinnt
in dieser Gruppe offenbar das Thema einer operativen Korrektur der anatomischen
Gegebenheiten zyklisch wiederkehrend eine besondere Bedeutung.
Gesucht
wird offenbar der Weg der Vervollständigung der eigenen Person
mit dem Mittel der chirurgischen Anpassung an eigene Vorstellungen des
entweder "anders seins" oder "so seins". Der von etlichen Personen an
dieser Stelle ins Auge gefasste Aufbruch aus der "Heimat Körper"
trägt nach dem Dafürhalten des Schreibers auch eher Züge
einer überstürzten Flucht.
Denn häufig kann mann erleben, das die vorgebrachte Frage des Schreibers
danach, was die "Betroffenen" eigentlich für sich selbst anstreben,
mit einer Aufzählung dessen, was sie nicht (mehr) sein wollen begegnet
wird und er dies für die Antwort seiner Frage halten soll.
Hier
ist ein Dilemma beschrieben, welches dem Schreiber aus seiner eigenen
Biografie nur zu gut bekannt ist. In gleicher Weise ist seine Auseinandersetzung
darüber, welches die allgemeinen auch für ihn verbindlichen
Vorstellungen dessen, "was ein Mann ist", seit langem anhängig,
von vielen Fragen begleitet und ihm mit Sicherheit für den Rest
seiner diesmaligen Existenz erhalten.
Wie
schwierig sich jedoch die Begehung dieses steinigen Weges im Einzelfall
erweisen mag, sie vollzieht sich mit der Gewissheit, dass eine andere,
wie auch immer geartete Identität, als anderer Mann, als Frau,
als was oder wer auch immer den Wanderer mit den gleichen Beschwernissen
und Auseinandersetzungen konfrontieren wird. Trotzdem gilt es an dieser
Stelle einer womöglich aufkeimenden Resignation entgegenzuwirken.
Als
tröstlich kann sich die Erkenntnis auswirken, wonach sich Veränderungen
in der menschlichen Existenz als die einzige Konstante erweisen. Diese
Sicherheit hat wohl mit dem Seinsauftrag des Menschen ganz allgemein
zu tun: an der unausweichlichen Teilnahme an der Evolution des Lebens.
Hiermit erübrigt sich denn auch die Frage, ob die Natur an Transidenten
(oder damit womöglich an farbigen, Behinderten und anderen Randgruppen)
einem entwicklungstechnischen Irrtum unterlegen ist, den es nun ebenso
technisch zu korrigieren gilt: der Amputation von Gliedmaßen,
der Umfärbung schwarzer Haut in weiße oder in einer Enthinderung.
Nur
wer mag schon glauben, das hiermit eine Veränderung aller Rollenidentitätsmerkmale
einhergehen wird. Wenn wir einen Menschen durch Tod verloren haben und
uns später an ihn erinnern, werden uns wohl kaum äußerliche
Merkmale wie Körpergröße und -Haltung, Gewicht, Plattfüße
etc. an ihn erinnern, sondern wohl eher Charaktereigenschaften wie Humor,
Güte, Boshaftigkeit usw.
Im
näheren Umgang mit Ausländern, Behinderten, Transidenten usw.
verlieren jene Menschen nach eigener Beobachtung gerade jene Eigenschaften,
welche als soziale Unterscheidungsmerkmale (=Trennwerte) gelten und
behalten, bzw. verkörpern nur noch Anteile blanken Menschseins,
in denen wir uns als Gleiche wiederentdecken können.
Aus
einem Besuch in der Transidentengruppe in Stuttgart sind für den
Schreiber zwischenzeitlich mehrere geworden und haben dem Schreiber
geholfen, den Blick zu schärfen für die große Ernsthaftigkeit
Einzelner in ihrer Auseinandersetzung mit kontroversen Aspekten ihrer
menschlichen Existenz. Dieser Prozess orientiert sich offenbar an ihrem
eigenen persönlichen Gestaltungswillen für ihre Zukunft und
grenzt sich dabei wohltuend ab gegen dort ebenso beobachtbare Bemühungen
anderer, die Gruppe als personifizierte Klagemauer oder Selbstprofilierungszirkus
zu benutzen.
Doch
auch in dieser Eigenschaft und Beschaffenheit unterscheidet sich diese
Gruppe in nichts von irgendwelchen anderen. Für den Schreiber gilt,
dort Menschen gefunden zu haben, auf deren wachsende Freundschaft zu
ihm er zu verzichten nicht mehr bereit ist.
Ecce
Homo