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Dr. Thomas Spörer

Warum ist eigentlich dem Schreiber die Unterscheidung von Normalos und Transidenten so wichtig? Nun ja, "normal" war bislang stets der feste und verlässliche Rahmen von Regeln und Gepflogenheiten, welche die äußere Form zu bestimmten Beurteilungen lieferten und ihm die eigene Identitätsbestimmung abnehmen, bzw. ersparen halfen.

Mit diesem geistigen Rüstzeug folgte der Schreiber einer Einladung in die Transidenten-Selbshilfegruppe in Stuttgart, angespornt aus einer Mischung von voyoristischer Neugier und einer dunklen Ahnung, dort womöglich auf verborgene Teile des eigenen Selbst zu stoßen.

Sein bisheriges Verständnis enthüllt wahrscheinlich eher das gängige Vorstellungskuddelmuddel: Trans = Fuzzy in Weiberkleidern, also ein Transvestit, bzw. Ein Homo weiblicher Strickart oder auch in umgekehrter Manier. Und dann fördert der Abend nach der obligaten Vorstellungsrunde der Beteiligten eine Reihe von Berichten und Schilderungen des Alltags der Betroffenen zutage und mit einem Mal ist es mit der voyoristischen Neugier vorbei.

Der Begriff der "Betroffenen", wie sich dort verschiedene Menschen selbst bezeichnen, lässt zunächst einmal die Frage offen, wovon sie denn genauer betroffen oder getroffen sind. Bei näherem Hinhören fängt dieser Begriff an, eine andere Dimension freizulegen, nämlich, das es sich bei dem jeweiligen subjektiven Selbstverständnis um Opfer verschiedener Lebensumstände handelt: Etwa Opfer eines Irrtums der Natur, der gesellschaftlichen Umstände, der schieflaufenden Beziehungen, Opfer auch von nachbarschaftlichen Diskriminierungen, sozialer Isolation usw.

Folglich tragen viele Schilderungen auch die Idee einer Befreiung in sich, ohne dass daraus zwingend deutlich würde, wovon im einzelnen oder gar zu was? Hier setzt mit Blick auf die genannte Zielsetzung des Schreibers, seine Neugier befriedigen zu können, ein gewisses Maß an Erstaunen ein: der Blick darauf, wovon man sich befreien will, hat immens viele Parallelen und Übereinstimmungen mit anderen gesellschaftlichen Gruppierungen.

Irgendwie wird jeder irgendwo unterdrückt, so u. a. im Beruf und Erwerbsleben, in der Beziehung, von den Eltern, von den Kindern, irgendwo ist jeder auch einmal oder mehrmals Ausländer, so womöglich auch im eigenen Körper und er erlebt ein ausgeprägtes Gefühl von "nicht dazu gehören", von Fremdheit. Und an dieser Stelle entstehen dann landläufig ernsthafte subjektive Fehleinschätzungen, etwa die, dass Fremdheit und Feindseligkeit zwei Seiten ein und derselben Münze sind und Abgelehntsein notwendigerweise eine logische Folge darstellt.

Der Schreiber stellt dies als jemand fest, der selbst einige Jahre im Ausland verbracht hat und überdies mit einer Ausländerin verheiratet ist. Dieser jemand hat die Erfahrung gemacht, dass der hier zuordenbare Begriff der Heimat zumindest für ihn nicht von örtlichen Gegebenheiten abhängig ist, sondern das Resultat einer inneren Öffnung hin zu neuen Erfahrungen und Erlebnissen darstellt.

Und genau auf diese innere Haltung bezieht sich sein Heimatbegriff. Auch dort wechseln sich Schönwetterlagen und Sturmtiefs ab und gestalten nicht immer in bequemer Weise ein Gefühl von Zugehörigkeit. Der menschliche Körper weist bei genauer Betrachtung in auffälliger Weise vergleichbare Merkmale auf: auch er ist dem Menschen für die Zeit seiner irdischen Existenz eine "Heimat".

Hierin liegt vielleicht die Berechtigung dieses Vergleichs: Diese Heimat ist in gleicher Weise ständigen Veränderungen unterworfen- geboren werden, heranwachsen, altern, vergehen, mit allen charakteristischen Begleiterscheinungen und damit gerade unabhängig von geschlechtsbezogenen Gegebenheiten. Sich indes jeweils um das gebracht zu sehen, was man nicht hat, stellt ein hervorstechendes Merkmal der Opfermentalität dar und damit den Nährboden allen Sehnens und Verlangens.

Hinsichtlich der gehörten Schilderungen erwuchs dem Schreiber bei der Erfahrung in der Selbsthilfegruppe eine Vermutung, nämlich das viele Personen dieses Kreises sich selbst als defizitär erleben, d.h. als falsch gemeint, falsch geplant oder falsch gepolt. In diesem Zusammenhang gewinnt in dieser Gruppe offenbar das Thema einer operativen Korrektur der anatomischen Gegebenheiten zyklisch wiederkehrend eine besondere Bedeutung.

Gesucht wird offenbar der Weg der Vervollständigung der eigenen Person mit dem Mittel der chirurgischen Anpassung an eigene Vorstellungen des entweder "anders seins" oder "so seins". Der von etlichen Personen an dieser Stelle ins Auge gefasste Aufbruch aus der "Heimat Körper" trägt nach dem Dafürhalten des Schreibers auch eher Züge einer überstürzten Flucht.
Denn häufig kann mann erleben, das die vorgebrachte Frage des Schreibers danach, was die "Betroffenen" eigentlich für sich selbst anstreben, mit einer Aufzählung dessen, was sie nicht (mehr) sein wollen begegnet wird und er dies für die Antwort seiner Frage halten soll.

Hier ist ein Dilemma beschrieben, welches dem Schreiber aus seiner eigenen Biografie nur zu gut bekannt ist. In gleicher Weise ist seine Auseinandersetzung darüber, welches die allgemeinen auch für ihn verbindlichen Vorstellungen dessen, "was ein Mann ist", seit langem anhängig, von vielen Fragen begleitet und ihm mit Sicherheit für den Rest seiner diesmaligen Existenz erhalten.

Wie schwierig sich jedoch die Begehung dieses steinigen Weges im Einzelfall erweisen mag, sie vollzieht sich mit der Gewissheit, dass eine andere, wie auch immer geartete Identität, als anderer Mann, als Frau, als was oder wer auch immer den Wanderer mit den gleichen Beschwernissen und Auseinandersetzungen konfrontieren wird. Trotzdem gilt es an dieser Stelle einer womöglich aufkeimenden Resignation entgegenzuwirken.

Als tröstlich kann sich die Erkenntnis auswirken, wonach sich Veränderungen in der menschlichen Existenz als die einzige Konstante erweisen. Diese Sicherheit hat wohl mit dem Seinsauftrag des Menschen ganz allgemein zu tun: an der unausweichlichen Teilnahme an der Evolution des Lebens. Hiermit erübrigt sich denn auch die Frage, ob die Natur an Transidenten (oder damit womöglich an farbigen, Behinderten und anderen Randgruppen) einem entwicklungstechnischen Irrtum unterlegen ist, den es nun ebenso technisch zu korrigieren gilt: der Amputation von Gliedmaßen, der Umfärbung schwarzer Haut in weiße oder in einer Enthinderung.

Nur wer mag schon glauben, das hiermit eine Veränderung aller Rollenidentitätsmerkmale einhergehen wird. Wenn wir einen Menschen durch Tod verloren haben und uns später an ihn erinnern, werden uns wohl kaum äußerliche Merkmale wie Körpergröße und -Haltung, Gewicht, Plattfüße etc. an ihn erinnern, sondern wohl eher Charaktereigenschaften wie Humor, Güte, Boshaftigkeit usw.

Im näheren Umgang mit Ausländern, Behinderten, Transidenten usw. verlieren jene Menschen nach eigener Beobachtung gerade jene Eigenschaften, welche als soziale Unterscheidungsmerkmale (=Trennwerte) gelten und behalten, bzw. verkörpern nur noch Anteile blanken Menschseins, in denen wir uns als Gleiche wiederentdecken können.

Aus einem Besuch in der Transidentengruppe in Stuttgart sind für den Schreiber zwischenzeitlich mehrere geworden und haben dem Schreiber geholfen, den Blick zu schärfen für die große Ernsthaftigkeit Einzelner in ihrer Auseinandersetzung mit kontroversen Aspekten ihrer menschlichen Existenz. Dieser Prozess orientiert sich offenbar an ihrem eigenen persönlichen Gestaltungswillen für ihre Zukunft und grenzt sich dabei wohltuend ab gegen dort ebenso beobachtbare Bemühungen anderer, die Gruppe als personifizierte Klagemauer oder Selbstprofilierungszirkus zu benutzen.

Doch auch in dieser Eigenschaft und Beschaffenheit unterscheidet sich diese Gruppe in nichts von irgendwelchen anderen. Für den Schreiber gilt, dort Menschen gefunden zu haben, auf deren wachsende Freundschaft zu ihm er zu verzichten nicht mehr bereit ist.

Ecce Homo