Wenn
ich mit heutigem Wissen und meiner jetzigen Erfahrung meine Kindheit
betrachte, bekommen die Dinge einen ganz anderen Stellenwert. Ich wurde
als Mädchen erzogen, also hatte ich Mädchen zu sein.
Dass ich lieber auf Bäume kletterte und auch sonst wesentlich rauer
war, als meine Brüder, fiel auf. Es war ein Grund mehr mich noch
"härter" in die weiche Mädchenrolle zu drängen. Ein Widerspruch
in sich!
Ich
redete mich selbst als Kind mit Hans an, wenn ich Selbstgespräche
führte. Aber das wusste keiner. Die Kette gefiel mir nicht, die
meine Eltern mir von einer Reise mitbrachten. Ich hätte lieber
wie meine Brüder ein Taschenmesser bekommen. Dies merkte auch niemand.
Dass ich nicht mit Jungen ausgehen durfte, hat mich nur deshalb gestört,
weil ich "normal" wie die anderen Mädchen sein wollte.
Wirkliches
Interesse hatte ich nicht an denen, verliebt habe ich mich nur in Mädchen.
Heute lache ich über diese "Vorsichtsmaßnahme" meiner Eltern.
Sie haben mein Anderssein in ihrem Normaldenken nicht erkannt. Dieses
war auch nicht möglich, denn sie leiden selbst unter dem Ergebnis
einer prüden Erziehung. "Was nicht sein darf, das ist nicht."
Das
Wort Sexualität in den Mund zu nehmen galt schon als unanständig.
Kein Wunder, dass ich mit 20 nicht mal den Begriff Homosexualität,
geschweige denn Transsexualität kannte. Ich wusste nur, dass schon
in meiner Kinder- und Jugendzeit irgend etwas mit mir nicht stimmte.
Die Aufklärungsbücher und Lexika waren eindeutig schwarzweiß,
ich fühlte aber so viel Jungenhaftes. Also musste ich beides sein,
Junge und Mädchen, aber wie geht das?
Meinen
ersten Ausfluss untersuchte ich unter dem Mikroskop, weil ich überzeugt
war, Spermien darin zu finden. Da ich die Jüngste in der Klasse
war, konnte ich bei meinen älteren und weiter entwickelten Klassenkameradinnen
beobachten, wie stolz sie sich im Umkleideraum gegenseitig ihre Brüste
zeigten.
Mich
hat dieser Anblick eher erregt und ich schaute schamhaft weg. Meine
Schwester hatte Angst, sie bekäme nicht genug Busen. Das konnte
ich nie verstehen. Ich fand es schlimm, dass ich bereits mit 13 einen
BH tragen musste. Ich habe meine Brüste sowohl ignoriert - die
Fragen meiner Mutter nach Wachstums- oder Spannungsschmerz konnte ich
guten Gewissens verneinen -, als auch versteckt - ich trug weite Hemden
und Pullover. Außerdem habe ich mir mit rundem Rücken und
vorgeschobenen Armen eine Haltung angewöhnt, unter der ich heute
schmerzhaft leide.
Schlimm
finde ich im nachhinein, dass ich mir wünschte, Brustkrebs zu bekommen,
damit die "Dinger" endlich abgenommen werden. Was sind das für
Menschen, die mit einem gesunden, richtig funktionierenden Körper
so wenig liebevoll umgehen? Mit 21, ich war gerade volljährig und
das erste Mal von zu Hause weg, kaufte ich mir von meinem ersten selbst
verdienten Geld eine Herrenhose und ein Herrenhemd. Stolz ging ich durch
die Stadt in der Hoffnung, dass "es alle sehen" bei gleichzeitiger Angst,
dass "es keiner merkt".
Ich
kaufte Bücher über abartiges Sexualverhalten und beschäftigte
mich mit Homosexualität, denn so musste ich ja wohl sein, auch
wenn ich es als Frau mit Männern versucht habe. Es dauerte weitere
3 Jahre, bis ich den Mut hatte, mal in ein Lesbenlokal zu gehen. Dort
verliebte ich mich Hals über Kopf in die erste Frau, die ich sah.
Wir haben uns auch einige Male getroffen, aber es ist nie zu sexuellem
Kontakt gekommen.
Ich
habe es immer mit Männern versucht, denn ich wollte ja normal sein.
Ich habe sogar 20 Jahre mit einem Mann zusammengelebt, seine Kinder
erzogen und ein - fast - normales Familienleben geführt. Unsere
Beziehung ging zu Ende, als die beiden Kinder erwachsen waren, denn
dann hatte sie ihren Sinn und Zweck erfüllt: Der Mann brauchte
eine Mutter und ich fand Normalität, ohne selbst Kinder produzieren
zu müssen.
Denn
schwanger zu werden konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.
So hatten wir beide von unserer Verbindung profitiert, konnten friedlich
auseinandergehen und sind heute noch befreundet. Wieder schien äußerlich
alles normal, innerlich hatte ich mehr die männliche Rolle eingenommen.
Mein
Partner war feminin und häuslich, ich war derjenige, der bestimmte,
was gemacht wurde. Der mehr verdiente und der beruflich oft unterwegs
war.
Im
Bett kam ich mir zwar nicht schwul vor, aber selten (Weihnachten ist
öfter!). Heiraten konnte ich ihn nicht, weil ich spürte, dass
ich nicht die Gefühle entwickeln konnte, die eine Frau für
einen Mann hat. Ich war ja selbst Mann, wusste es nur noch nicht. Sogar
Kleider und Make-up trug ich. Ich sagte mir: "ich bin entweder Junge
oder Dame, aber nie Frau."
Meine
sportliche (männliche) Kleidung, der kurze Haarschnitt und das
burschikose Verhalten ließen mich nur als männliche Frau
erkennen, innerlich war ich deutlich männlicher als meine Kleidung
verriet. Einmal hat sich sogar ein Mann in mich verliebt, weil ich,
wie er mir später sagte, nichts weibliches an mir hatte. Dass ich
nichts tue, um einen Mann zu reizen, hatte ihn gerade gereizt.
Wenn
ich als "Dame" ging, weil gesellschaftliche oder berufliche Verpflichtungen
das erforderten, fühlte ich mich als Transvestit. Mit dieser für
mich "Kleinen Lösung" konnte ich so lange leben, bis ich auf eine
Transsexuellen-Selbsthilfegruppe stieß. Jetzt wusste ich, dass
ich weder homo, noch bisexuell war, obwohl das ja auch bei Transsexuellen
möglich ist, sondern transsexuell.
Mein
Hormonstatus zeigte einen hohen, aber noch normalen Testosteron Wert.
Jetzt verstand ich auch die körperlichen Merkmale: starker Haarwuchs
im Gesicht und an den Beinen, große Klitoris, tiefe Stimme. Trotzdem,
so sagte ich mir vor über 10 Jahren, sind meine drei äußeren
körperlichen Merkmale (geringe Körpergröße, großer
Busen, weiche Gesichtszüge) so typisch weiblich, dass auch Hormone
und Brustamputation nie ein äußerlich männliches Erscheinungsbild
ergeben werden.
Und
wieder startete ich einen Versuch, Frau zu sein. Ich änderte sogar
meinen Vornamen, mein zweiter Vorname klingt weicher und weiblicher,
um ein neues Leben zu beginnen. Ich lernte feministisch zu denken, und
zwar durch einen Mann. Gordian Troeller: "Frauen der Welt", gibt es
als Video bei Radio Bremen und als Buch im Zweitausendeins Buchladen.
Ich habe eine Frau geliebt, die ich heiraten wollte. Sie hat mich als
Mann gesehen und akzeptiert.
Mein
tägliches Zupfen, wegen des bereits erwähnten starken Bartwuchses,
nannte sie Rasur. Das Mülleimer-Runtertragen war meine Aufgabe.
Doch obwohl ich der glücklichste Mensch der Welt hätte sein
können, habe ich Depressionen bekommen. Dass mit mir etwas nicht
stimmt, wurde immer deutlicher, die Distanz zwischen uns immer größer.
Warum sie unsere gemeinsame Wohnung eines Tages verlassen hat, kann
ich verstehen.
Wir
sind heute nur noch befreundet. Ich lebe als glücklicher Single
und gedenke, es zu bleiben. Als ich endlich mit der Hormonhandlung begann,
ging das, was ich mir seit Jahren unbewusst wünschte, fast zu schnell.
Der Stimmbruch setzte sofort ein, und es kamen immer wieder Zweifel,
ob dieser Eingriff richtig ist.
Kann
ich nicht auch in einem weiblichen Körper meine männlichen
Anteile leben? Gibt es nicht genügend andere Aufgaben in der Welt,
für die ich mich engagieren könnte, als mich so sehr mit dem
eigenen Körper zu beschäftigen? Darf ich einen biologisch
gesunden Körper verstümmeln? Reicht mir eine Teil-OP?
Zweifel
gehören zum Leben, und ich bin heute sicher, auftretende Probleme
zum richtigen Zeitpunkt zu lösen. Ich möchte die zweiten 50
Jahre glücklicher leben als die ersten. Das Leid habe ich gebraucht,
um zu lernen, um stark zu werden, um besser mit mir und meinen Mitmenschen
umzugehen.
Früher
habe ich alles Weibliche in mir verdrängt, jetzt, wo ich weiß,
dass ich ein Mann bin, kann ich es wieder zulassen. Selbst unbedeutende,
alltägliche Dinge wie Kochen und Nähen, wollte ich nicht erlernen.
Heute bin ich froh, diese Tätigkeiten leicht bewältigen zu
können.
Ich
möchte meine weibliche Sozialisation nicht verleugnen, bestimmte
positive weibliche Eigenschaften nicht verlieren und bestimmte negative
männliche Eigenschaften nicht übernehmen.
Ich würde sogar viel lieber Frau sein, weil die Frauenwelt schöner
und reichhaltiger ist als die Männerwelt, aber das bin ich nicht.
Die Gewissheit transsexuell zu sein, lässt mich endlich die Rolle
leben, in die ich gehöre.
Marcus