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Marcus M.

Wenn ich mit heutigem Wissen und meiner jetzigen Erfahrung meine Kindheit betrachte, bekommen die Dinge einen ganz anderen Stellenwert. Ich wurde als Mädchen erzogen, also hatte ich Mädchen zu sein.
Dass ich lieber auf Bäume kletterte und auch sonst wesentlich rauer war, als meine Brüder, fiel auf. Es war ein Grund mehr mich noch "härter" in die weiche Mädchenrolle zu drängen. Ein Widerspruch in sich!

Ich redete mich selbst als Kind mit Hans an, wenn ich Selbstgespräche führte. Aber das wusste keiner. Die Kette gefiel mir nicht, die meine Eltern mir von einer Reise mitbrachten. Ich hätte lieber wie meine Brüder ein Taschenmesser bekommen. Dies merkte auch niemand. Dass ich nicht mit Jungen ausgehen durfte, hat mich nur deshalb gestört, weil ich "normal" wie die anderen Mädchen sein wollte.

Wirkliches Interesse hatte ich nicht an denen, verliebt habe ich mich nur in Mädchen. Heute lache ich über diese "Vorsichtsmaßnahme" meiner Eltern. Sie haben mein Anderssein in ihrem Normaldenken nicht erkannt. Dieses war auch nicht möglich, denn sie leiden selbst unter dem Ergebnis einer prüden Erziehung. "Was nicht sein darf, das ist nicht."

Das Wort Sexualität in den Mund zu nehmen galt schon als unanständig. Kein Wunder, dass ich mit 20 nicht mal den Begriff Homosexualität, geschweige denn Transsexualität kannte. Ich wusste nur, dass schon in meiner Kinder- und Jugendzeit irgend etwas mit mir nicht stimmte.
Die Aufklärungsbücher und Lexika waren eindeutig schwarzweiß, ich fühlte aber so viel Jungenhaftes. Also musste ich beides sein, Junge und Mädchen, aber wie geht das?

Meinen ersten Ausfluss untersuchte ich unter dem Mikroskop, weil ich überzeugt war, Spermien darin zu finden. Da ich die Jüngste in der Klasse war, konnte ich bei meinen älteren und weiter entwickelten Klassenkameradinnen beobachten, wie stolz sie sich im Umkleideraum gegenseitig ihre Brüste zeigten.

Mich hat dieser Anblick eher erregt und ich schaute schamhaft weg. Meine Schwester hatte Angst, sie bekäme nicht genug Busen. Das konnte ich nie verstehen. Ich fand es schlimm, dass ich bereits mit 13 einen BH tragen musste. Ich habe meine Brüste sowohl ignoriert - die Fragen meiner Mutter nach Wachstums- oder Spannungsschmerz konnte ich guten Gewissens verneinen -, als auch versteckt - ich trug weite Hemden und Pullover. Außerdem habe ich mir mit rundem Rücken und vorgeschobenen Armen eine Haltung angewöhnt, unter der ich heute schmerzhaft leide.

Schlimm finde ich im nachhinein, dass ich mir wünschte, Brustkrebs zu bekommen, damit die "Dinger" endlich abgenommen werden. Was sind das für Menschen, die mit einem gesunden, richtig funktionierenden Körper so wenig liebevoll umgehen? Mit 21, ich war gerade volljährig und das erste Mal von zu Hause weg, kaufte ich mir von meinem ersten selbst verdienten Geld eine Herrenhose und ein Herrenhemd. Stolz ging ich durch die Stadt in der Hoffnung, dass "es alle sehen" bei gleichzeitiger Angst, dass "es keiner merkt".

Ich kaufte Bücher über abartiges Sexualverhalten und beschäftigte mich mit Homosexualität, denn so musste ich ja wohl sein, auch wenn ich es als Frau mit Männern versucht habe. Es dauerte weitere 3 Jahre, bis ich den Mut hatte, mal in ein Lesbenlokal zu gehen. Dort verliebte ich mich Hals über Kopf in die erste Frau, die ich sah. Wir haben uns auch einige Male getroffen, aber es ist nie zu sexuellem Kontakt gekommen.

Ich habe es immer mit Männern versucht, denn ich wollte ja normal sein. Ich habe sogar 20 Jahre mit einem Mann zusammengelebt, seine Kinder erzogen und ein - fast - normales Familienleben geführt. Unsere Beziehung ging zu Ende, als die beiden Kinder erwachsen waren, denn dann hatte sie ihren Sinn und Zweck erfüllt: Der Mann brauchte eine Mutter und ich fand Normalität, ohne selbst Kinder produzieren zu müssen.

Denn schwanger zu werden konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. So hatten wir beide von unserer Verbindung profitiert, konnten friedlich auseinandergehen und sind heute noch befreundet. Wieder schien äußerlich alles normal, innerlich hatte ich mehr die männliche Rolle eingenommen.

Mein Partner war feminin und häuslich, ich war derjenige, der bestimmte, was gemacht wurde. Der mehr verdiente und der beruflich oft unterwegs war.

Im Bett kam ich mir zwar nicht schwul vor, aber selten (Weihnachten ist öfter!). Heiraten konnte ich ihn nicht, weil ich spürte, dass ich nicht die Gefühle entwickeln konnte, die eine Frau für einen Mann hat. Ich war ja selbst Mann, wusste es nur noch nicht. Sogar Kleider und Make-up trug ich. Ich sagte mir: "ich bin entweder Junge oder Dame, aber nie Frau."

Meine sportliche (männliche) Kleidung, der kurze Haarschnitt und das burschikose Verhalten ließen mich nur als männliche Frau erkennen, innerlich war ich deutlich männlicher als meine Kleidung verriet. Einmal hat sich sogar ein Mann in mich verliebt, weil ich, wie er mir später sagte, nichts weibliches an mir hatte. Dass ich nichts tue, um einen Mann zu reizen, hatte ihn gerade gereizt.

Wenn ich als "Dame" ging, weil gesellschaftliche oder berufliche Verpflichtungen das erforderten, fühlte ich mich als Transvestit. Mit dieser für mich "Kleinen Lösung" konnte ich so lange leben, bis ich auf eine Transsexuellen-Selbsthilfegruppe stieß. Jetzt wusste ich, dass ich weder homo, noch bisexuell war, obwohl das ja auch bei Transsexuellen möglich ist, sondern transsexuell.

Mein Hormonstatus zeigte einen hohen, aber noch normalen Testosteron Wert. Jetzt verstand ich auch die körperlichen Merkmale: starker Haarwuchs im Gesicht und an den Beinen, große Klitoris, tiefe Stimme. Trotzdem, so sagte ich mir vor über 10 Jahren, sind meine drei äußeren körperlichen Merkmale (geringe Körpergröße, großer Busen, weiche Gesichtszüge) so typisch weiblich, dass auch Hormone und Brustamputation nie ein äußerlich männliches Erscheinungsbild ergeben werden.

Und wieder startete ich einen Versuch, Frau zu sein. Ich änderte sogar meinen Vornamen, mein zweiter Vorname klingt weicher und weiblicher, um ein neues Leben zu beginnen. Ich lernte feministisch zu denken, und zwar durch einen Mann. Gordian Troeller: "Frauen der Welt", gibt es als Video bei Radio Bremen und als Buch im Zweitausendeins Buchladen. Ich habe eine Frau geliebt, die ich heiraten wollte. Sie hat mich als Mann gesehen und akzeptiert.

Mein tägliches Zupfen, wegen des bereits erwähnten starken Bartwuchses, nannte sie Rasur. Das Mülleimer-Runtertragen war meine Aufgabe. Doch obwohl ich der glücklichste Mensch der Welt hätte sein können, habe ich Depressionen bekommen. Dass mit mir etwas nicht stimmt, wurde immer deutlicher, die Distanz zwischen uns immer größer. Warum sie unsere gemeinsame Wohnung eines Tages verlassen hat, kann ich verstehen.

Wir sind heute nur noch befreundet. Ich lebe als glücklicher Single und gedenke, es zu bleiben. Als ich endlich mit der Hormonhandlung begann, ging das, was ich mir seit Jahren unbewusst wünschte, fast zu schnell. Der Stimmbruch setzte sofort ein, und es kamen immer wieder Zweifel, ob dieser Eingriff richtig ist.

Kann ich nicht auch in einem weiblichen Körper meine männlichen Anteile leben? Gibt es nicht genügend andere Aufgaben in der Welt, für die ich mich engagieren könnte, als mich so sehr mit dem eigenen Körper zu beschäftigen? Darf ich einen biologisch gesunden Körper verstümmeln? Reicht mir eine Teil-OP?

Zweifel gehören zum Leben, und ich bin heute sicher, auftretende Probleme zum richtigen Zeitpunkt zu lösen. Ich möchte die zweiten 50 Jahre glücklicher leben als die ersten. Das Leid habe ich gebraucht, um zu lernen, um stark zu werden, um besser mit mir und meinen Mitmenschen umzugehen.

Früher habe ich alles Weibliche in mir verdrängt, jetzt, wo ich weiß, dass ich ein Mann bin, kann ich es wieder zulassen. Selbst unbedeutende, alltägliche Dinge wie Kochen und Nähen, wollte ich nicht erlernen. Heute bin ich froh, diese Tätigkeiten leicht bewältigen zu können.

Ich möchte meine weibliche Sozialisation nicht verleugnen, bestimmte positive weibliche Eigenschaften nicht verlieren und bestimmte negative männliche Eigenschaften nicht übernehmen.
Ich würde sogar viel lieber Frau sein, weil die Frauenwelt schöner und reichhaltiger ist als die Männerwelt, aber das bin ich nicht. Die Gewissheit transsexuell zu sein, lässt mich endlich die Rolle leben, in die ich gehöre.

Marcus