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Laetitia`s
Bericht von der Straße (2)
Die
zweite Nacht war nicht wesentlich angenehmer, versöhnte mein
schwankendes Herz zwar mit dem Grauen der ersten, zeigte mir aber
dafür andere, ebenso furchtbare Greuel auf. Dabei fing es eigentlich
ganz gut an...
Es
waren viele Tage ins Land gegangen, bevor mich erste vorsichtige
Schritte wieder in jenen brodelnden Hexenkessel führen sollten,
der sich Strich nennt. Auch mein Outfit war diesmal etwas vorsichtiger,
weniger bunt, dafür mit mehr Stoff versehen.
Als
ich denn so dahinschritt, die etlichen Straßenecken von der
S-Bahnhaltestelle bis zu meinem neuen lieu de travail, begann ich,
mir selbst neuen Mut zuzusprechen.
Mehr
als ein frommes Gebet floss mir über die bis dato keuschen
Lippen. Ich fühlte mich jung und frisch, dankte fröhlich
mich bekreuzigend dem Schöpfer und wandelte wacker endlich
über die rote Meile neuen Abenteuern entgegen.
Und,
siehe da, es hielt gleich ein fescher BMW.
Und siehe, das Fenster wurde heruntergelassen.
Und siehe, Schreck lass nach, es sprach ein kleiner, alter, fetter
Sack!
Er
bot mir 200 Mark für französische Dienste und ich stieg
ein.
Müssen denn alle fetten alten Affen unangenehme Freier sein
?
Es war ok. und beglückt und beschwingt fand ich mich eine 3/4-Stunde
später wieder auf dem Strich ein.
Ich
stand keine 30 Sekunden, zupfte noch Rock und Frisur zurecht, da
hörte ich eiliges und bedrohliches Stöckelschuhgeklapper
die Straße hinunter auf mich zukommen, begleitet von scharfem
aber unterdrücktem Fluchen. Ich drehte mich um und direkt vor
mir überragte mich ein schreckliches, blond-perrücktes
Monster um Haupteslänge.
Das
Ungetüm trug eine schwarze transparente Bluse, einen roten
Minirock, schwarze Strapse, high-heels, hatte 5cm-lange Plastikfingernägel,
sowie dreifarbig abgestuft-geschminkte Augen und ebensolche Lippen,
funkelte mich mit ersteren böse an und fauchte durch letztere:
"Bist du mit meinem Stammfreier weggewesen?"
Überwältigt
von dieser Erscheinung stammelte ich nur ein "hä?"
"Wie viel hast du genommen, du Schlampe??"
"Äh, 200."
"Waaas, du dreckiges Aas!"
Ihre
Stimme überschlug sich und während sie mich weiter hysterisch
beschimpfte legten sich plötzlich ihre starken Transenpranken
um meinen Hals und begannen, mich arme Schreckensstarre zu schütteln...
Ich
hätte sicherlich als Märtyrerin ein jähes schreckliches
Ende gefunden (selig und heilig gesprochen würde ich fortan
als Santa Laetitia, die Schutzheilige der Dirnen angerufen)- hätte
sich nicht im letzten Augenblick eine Kollegin schlichtend zwischen
uns geschoben.
"Was
ist denn los? hallo, hallo, was ist denn los, Yvette?"
Sie schob die schwer atmende Barbarin einige Meter von mir weg.
Den folgenden Dialog der beiden bekam ich nicht mehr mit...
Ich schwankte, erschauderte.
Begleitet
von heftigem Zittern fuhr meine Seele, die, schon drei Meter weiter
oben schwebend sich bereits von diesem Leben verabschieden wollte,
wieder in meinen Körper zurück.
Sei es ob dieser einschneidenden Todeserfahrung oder wegen des dritten
Tellers Sauerkraut am Abend, auf ein mal stürzte ich unter
einen nahen Baum und übergab mich voller Inbrunst röchelnd
und würgend.
Währenddessen
war das dramatische Rettungsmanöver jenes Erzengels der Gosse
erfolgreich fortgeführt worden; mit einer letzten hingespuckten
Warnung, ich solle mich auf dieser Straße nie mehr von ihr
erwischen lassen, verschwand der blutrünstige Drache Yvette
und gab mir so Gelegenheit, meiner edlen Heldin zu danken.
Sie
tat das Versprechen, sie von nun an in meine Gebete mit einzuschließen
großzügig ab und erklärte mir stattdessen, warum
jene Mördertranse dermaßen ausgeflippt war:
Sie habe einen finanziellen Engpass zu durchschreiten und dieser
Stammfreier zahle ihr normalerweise 500 Mark und sie befürchte
eben, dass ich ihn ihr abspenstig gemacht habe...
In
jener Nacht schaffte ich es nur mühsam, mich in ein Taxi und
zu Hause ins Bett zu schleppen, das ich nun drei Wochen lang nicht
mehr verlassen sollte.
Ich
litt unter Wahnvorstellungen, Paranoia und Alpträumen. Diesen
Text niederzuschreiben gelingt mir nur unter höheren Dosen
einschlägiger Psychopharmaka
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